Desi-Lesetheorie


Kurzcharakteristik

1. Die Desi-Lesetheorie fußt auf dem beschreibbaren Leseprozess.

2. Sie benutzt ein Komplexitätsmodell der zunehmenden Textverarbeitung. 

3. Sie kann dadurch Äußerungen von Lesern gut analysieren und begründete Aufgabentypiken vorschlagen.

Hier zunächst ein Bild, das sowohl den Prozess skizziert wie auch die Komplexität andeutet, die in der Verarbeitung zunehmender Textmengen besteht. Beachten Sie die Raster unterhalb der Treppe:

LESESTUFEN

                                      1                 2               3                   4

1. Ein Wort oder ein einzelner Satz muss verarbeitet werden: Informationsebene auf dem einfachsten Niveau.

2. Die Verbindung zweier Sätze kommt in den Blick - öfters gibt es eine Leerstelle zwischen ihnen, die logisch oder intuitiv gefüllt werden muss. Dort sollte der Leser Inferenzen bilden oder sich bei Unklarheit auf eine Stelle fokussieren. Beide Tätigkeiten gehören zur lokalen Leseweise.

3. Bei größerer Textmenge wird es interessant, Verknüpfungen über längere Entfernungen vorzunehmen: Absätze verbinden oder verstreute Informationen z.B. über eine Figur zusammenbinden. 

Es können auch Verknüpfungen zum externen Wissen nötig werden, bei literarischen Texten v.a. zu textuellen Aspekten wie z.B. der Perspektivik oder dem uneigentlichen Erzählen (Ironie, Metaphorik, unzuverlässiger Erzähler usw.). Aber auch zum allgemeinen Weltwissen, das im Text angesprochen wird.

4. Schließlich kommt der gesamte Text in den Blick, den der individuelle Leser in seine bestehenden inneren Vorstellungen integrieren muss. Im Idealfall bildet er ein eigenes Mentales Modell, in das er einzelne Stellen und Zusammenhänge quasi "einhängt".

Rückläufigkeit oder Rekursivität tritt immer wieder auf, d.h. die Leser gehen während der Lektüre manchmal bewusst zu bestimmten Stellen zurück oder sie verändern ihre Vorstellungen früherer Stellen fast unbemerkt durch die neuen verarbeiteten Informationen.

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EINIGE HINWEISE AUF WISSENSCHAFTLICHE QUELLEN

Inferenzen:  ➣ Bruce K. Britton & Arthur C. Graesser (Eds.)(1996): Models of Understanding Text. Mahwah: Erlbaum        

Fokussierung ➣ Jürgen Grzesik (1990): Textverstehen lehren und lernen. Stuttgart: Klett                                                                        

Verknüpfungen und Wissensnetze:  ➣ Walter Kintsch (1998): Comprehension. Cambridge: CUP 

 ➣ Walter Kintsch; Vimla L. Patel & Anders K. Ericsson (1999): The role of long-term memory  in text comprehension. In: Psychologia, Heft 42, S. 186-198

 ➣ Heiner Willenberg (1999): Lesen und Lernen. Einführung in die Neuropsychologie des Textverstehens. Heidelberg: Spektrum                                                                                   

Mentale Modelle:  ➣ Stephanie Kelter (2003): Mentale Modelle. In: Psycholinguistik. Ein internationales Handbuch (HSK). Hrsg.: G. Rickeit; Th. Herrmann & W. Deutsch. Berlin: de Gruyter, S. 505-517