Transkripte--Gelungene

  

  SAMMLUNG EINIGER TRANSKRIPTE

Heiner Willenberg: 

Gelungene Gespräche 

Beispiele für eine bewusstere Kommunikation

Hohengehren: Schneider (2019)1


1 Aus unerfindlichen Gründen ist die einzige Fußnote beim Druck verschwunden. Sie lautet: Ich benutze um der Lesbarkeit willen die maskuline Form für allgemeine Benennungen von Personen. Bei konkreten Gruppen wird die Bezeichnung angepasst.


Drei Beispiele zum Thema Wissensaustausch ohne die Kommentierungen im Buch. Die Ziffern beziehen sich auf die Transkriptzählung im Buch.

(2) Gespräch über Dürrenmatt

Es unterhalten sich 2015 im Schweizer Fernsehen die Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger, der Dramaturg Peter Rüedi und der Moderator Juri Steiner über den Schriftsteller. Frau Gisiger hatte 80 Stunden Film- und Tondokumente gesichtet und daraus eine Film zusammengestellt. Dazu wird ein Gesprächsbeitrag Peter Dürrenmatts eingespielt, der von seinen Eltern berichtet. Dieser Beitrag ist aus dem Schweizerdeutschen ins Hochdeutsche übersetzt. 

Peter Dürrenmatt: Sie sind auch immer zusammen gewesen, die Mutter ist mit zu den Proben gegangen und so. /// Sehr oft hat man die Mutter sehr lang nicht gesehen. Sie haben immer irrsinnig miteinander gesprochen /// über Personen, ob die Personen stimmen, haben das eingeschätzt. Und Lotti hat gesagt, das ist eigentlich nicht in der Logik der Figur. / Sehr oft ist mein Vater nicht einverstanden gewesen. Da ist er wütend nach oben gegangen, aber wenn er wieder runterkam, hat er gebastelt und später hat er es schon wieder umgeschrieben und geändert.

Juri Steiner:Voilà, das heißt, da war eine kleine Fabrik am Arbeiten?

Sabine Gisiger: Ja zumindest, das war diese kreative, sich erfüllende Seite der Beziehung. Wir haben es ja vorhin gesagt. Er [Dürrenmatt] konnte Gedanken entwickeln und schärfen im Reden. Eine Gesprächspartnerin zu haben, das war für ihn essentiell. Dass das auf der anderen Seite äh für Lotti auch Verzicht bedeutet hat, auf Eigenes oder? Das ist schon klar.

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Schweizer Rundfunk und Fernsehen: Sternstunden der Philosophie: Friedrich Dürrenmatt - aktueller denn je? 13. 12. 2015 - Willenberg (2019), Transkript, S. 23



(4) Deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Im Jahr 2009 sprechen Altkanzler Helmut Schmidt und der deutschamerikanische Historiker Fritz Stern darüber, wie sie das 20. Jahrhundert erlebt haben. Der folgende Auszug beschäftigt sich mit dem Russlandfeldzug im Jahr 1941.

Stern: Ich sage es noch mal: Von außen gesehen kann ich mir nicht vorstellen, dass ein gewöhnlicher Soldat bei dem schnellen Vormarsch zwischen 22. Juni und 6. Dezember nicht das Gefühl hatte, es ist zwar alles sehr blutig und die Kosten sind sehr hoch, aber wir werden schon gewinnen.

Schmidt: Also ich war bloß ein gewöhnlicher Soldat, ein kleiner Leutnant. Dieses Gefühl habe ich nicht gehabt.

Stern: Das ist wahrlich erstaunlich. Polen in nur fünf Wochen niedergeworfen, Frankreich in sechs Wochen niedergeworfen, und dann diese enormen Geländegewinne bis in den Spätherbst in Russland - da müssen viele Soldaten das Gefühl gehabt haben, das läuft doch ganz gut.

Schmidt: Normalerweise ist der einfache Soldat, der Gefreite oder der Obergefreite, nicht geneigt, sich über den Ausgang des Krieges Gedanken zu machen. Für ihn geht es darum, wann hat er den letzten Brief von seiner Frau oder seiner Freundin bekommen, kriege ich heute abend was Ordentliches zu essen -

Stern: Überlebe ich - [...]

Stern: Aber es gab - wie soll ich sagen - qualitative Unterschiede zwischen dem Russlandfeldzug und den Feldzügen davor. Das wäre die Frage: Hat der einfache Soldat die Brutalität -

Schmidt: Das kann ich nicht beurteilen. Ich habe keinen der vorangegangenen Feldzüge mitgemacht. 

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Helmut Schmidt & Fritz Stern: Unser Jahrhundert. Ein Gespräch. Reinbek: Rowohlt, 2011, S. 19 f. - Willenberg (2019) S. 27f.


(8) Small Talk 

Die Szene spielt 2017 auf einer Gartenparty und das Gespräch geht über die Erfahrungen dreier Gäste, die sie bei Besuchen in den USA gemacht haben.

Privatflieger: Ich kam mit den Fliegern immer bestens aus, sie sind sehr kameradschaftlich, sehr offen.

Autoreisende: Ja, unsere Erfahrung von unterwegs ist auch, Amerikaner sind enorm hilfreich.

Literaturkenner: Ich empfinde sie im Allgemeinen auch als sehr umgänglich. Bei Problemthemen sind sie zurückhaltend, außer wenn man über Literatur spricht. Wie ist denn Ihre Erfahrung mit diesem Thema?

Autoreisende: Ja, sie bleiben schon gern beim Positiven, bei Übereinstimmungen.

Der Privatflieger will gerade etwas sagen. Ein hinzukommender Gast wendet sich zu ihm: Oh, ich habe gehört, ihr wollt einen Carport bauen! Wollt ihr es mit Holz machen oder auch mit Metall?

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Willenberg (2019), Nachschrift, S. 35


Zum besseren Verständnis die Grafik von Uri Hasson (S. 135) in Farbe:

Hasson Verbindung

Uri Hasson (2016) This is your brain on communication - Vortrag

https://www.ted.com/talks/uri_ hasson_this_is_your_brain_on_communication